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    Berufsbildungsgesetz: Chance oder Katastrophe?

    Im Januar ist das neue Berufsbildungsgesetz in Kraft getreten – mit dem Ziel, die betriebliche Ausbildung attraktiver zu machen. Dazu hat der Bund ein ganzes Maßnahmenbündel verabschiedet und damit direkt an den Bedürfnissen angehender Azubis vorbei agiert. Das jedenfalls sagen Kritiker.

    Junge Frau mit Büchern in der Hand.

    Berufsbildungsgesetz: An der Realität vorbei gedacht?

    Die Top-Karriere, ein hoher sozialer Status und Spitzengehälter – all das hat an Bedeutung verloren. Jungen Berufseinsteigern steht der Sinn eher nach Sinnstiftung: Arbeiten soll erfüllend sein. Das macht einen Job attraktiv. Eine aktuelle XING-Studie ergab: Jeder zweite Arbeitnehmer wäre dafür sogar bereit, weniger zu verdienen.

    Die Erhebung erzeugte viel Resonanz. An der Bundesregierung scheint sie indes vorbei gegangen zu sein. Jedenfalls hat der Bund unlängst das neue Berufsbildungsgesetz auf den Weg gebracht, mit dem Ziel, die Attraktivität beruflicher Ausbildungen in Deutschland wieder zu steigern.

    Bund verzichtet auf inhaltliche Neuausrichtung in der Ausbildung

    Von einer inhaltlichen Neuausrichtung, die in irgendeiner Form auch das Bedürfnis nach einem übergeordneten Sinn angehender Arbeitnehmer abbildet, liest man in der Gesetzesnovelle aber nichts. Dafür gibt’s aber ausgerechnet mehr Geld. Neu-Azubis erhalten ab sofort mindestens ein Gehalt von 515 Euro pro Monat. Der Bund bewirbt das neue Azubi-Motivationszuckerl auf seiner Internetseite eher nüchtern: „Auszubildende tragen zur Wertschöpfung bei. Das verdient Anerkennung.“ Punkt.

    Allerdings: Die Anerkennung geht an den meisten Azubis vorbei. Viele verdienen nämlich von vornherein mehr. Bürokaufleuten fließen beispielsweise laut der Plattform azubiyo im ersten Jahr um die 800 Euro aufs Konto, Lacklaboranten erhalten gar rund 1.000 Euro, während die Chemielaborantin in etwa 950 Euro verdient. Berufe, die unter der neuen Mindesteinkommensgrenze rangieren, sind eher handverlesen. Deutlich darunter lagen bislang etwa angehende Friseure. Sie bekamen kaum mehr als 400 Euro.

    Berufsbildungsgesetz: Neue Titel machen noch keine neuen Inhalte

    Trotz aller Kritik hält der Bund aber daran fest: Das Berufsbildungsgesetz erfüllt seinen Zweck. Zu den Fürsprechern zählt zum Beispiel Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, die das Berufsbildungsgesetz in einem offiziellen Statement nicht nur lobt, sondern auch direkt Ausbildung und Studium auf eine Stufe hebt: „Die berufliche Bildung in Deutschland gehört zu den erfolgreichsten Qualifizierungssystemen weltweit. Mit der BBiG-Novelle werden wir ihre Attraktivität weiter steigern. Das sichert die Fachkräfteausbildung in unserem Land. Die berufliche Bildung bietet jungen Menschen hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten. Die Entscheidung zwischen beruflicher Aus- und Fortbildung oder Studium ist keine Frage eines Mehr oder Weniger. Es ist eine Auswahl zwischen zwei gleichwertigen Wegen zum beruflichen Erfolg.“

    Zur Erklärung: Karliczek bezieht sich mit der Gleichsetzung von Ausbildung und Studium auf die Gleichwertigkeit zwischen Studium und Ausbildung plus einer beruflichen Aufstiegsfortbildung. Diese kann allerdings erst nach dem Abschluss einer Lehre und mit einer gewissen Berufserfahrung absolviert werden. Entsprechend dürfte es angehenden Lehrlingen, die das neue Gesetz ansprechen soll, eher egal sein, welchen Titel sie nach einer solchen Aufstiegsfortbildung tragen.

    Dennoch heißt es infolge der Gesetzesnovelle ab sofort „Adieu Fachwirt, Adieu Techniker“. Nach der Prüfung können sich Absolventen mit Titeln wie „Geprüfter Berufsspezialist“, „Bachelor Professional“ und „Master Professional“ schmücken. So sollen akademische Abschlüsse und qualifizierte Fortbildungsabschlüsse auf eine Stufe gehoben werden.

    Berufsbildungsgesetz: Jubelstürme unter angehenden Lehrlingen? Wohl kaum!

    Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) wagt zu bezweifeln, dass diese Veränderung bahnbrechende Auswirkungen auf die Attraktivität von Ausbildungen haben wird. In einer Pressemitteilung vermeldet er: „Es reicht nicht, den Abschlüssen neue Etiketten aufzukleben. Um die Qualität der beruflichen Aufstiegsfortbildung zu verbessern, sind verbindliche Inhaltspläne für die Lernprozesse wichtig. Dafür werden wir uns weiter einsetzen.“

    Gegenüber dem Deutschlandfunk legt Matthias Anbuhl, Abteilungsleiter Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim DGB, nochmal nach: „Na ja, ich glaube erst mal nicht, dass die Ausbildung attraktiver wird, weil der Bäckermeister jetzt in Zukunft (…) den Zusatz Bachelor-Professional haben soll.“

    Zwei minus für das Berufsbildungsgesetz: Gerade noch gut

    Etwas später zeigt sich der DGB-Vertreter aber wieder versöhnlicher. Anbuhl, der dem ersten Entwurf der Gesetzesnovelle noch die Schulnote 4- gegeben hätte, würde dem Reformpaket jetzt immerhin eine 2- geben. Verhalten positiv bewertet der DGB-Mann zum Beispiel, dass alle Azubis eine gesetzlich garantierte Freistellung für die Berufsschule erhalten. Und auch am Arbeitstag vor schriftlichen Prüfungen müssen sie nicht im Ausbildungsbetrieb erscheinen. Das stärke den Lernort Berufsschule und mache die Ausbildung in Betrieb und Schule für die Jugendlichen attraktiver, so die offizielle Begründung des Deutschen Gewerkschaftsbunds.

    Zu einem anderen Punkt schweigen die Arbeitnehmervertreter jedoch gänzlich: Die Stärkung der Berufsausbildung in Teilzeit. Dazu heißt es auf den Seiten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF): „Bisher war eine Teilzeitberufsausbildung (…) nur etwas für Leistungsstarke, die Kinder betreuen oder einen Angehörigen pflegen, weil das Gleiche in kürzerer Zeit gelernt werden musste.“

    Ausbildung in Teilzeit: Wirklich ein Mehrwert?

    Ab sofort darf jeder das Gleiche in kürzerer Zeit lernen. Unterstützenswert findet das Wirtschafts- und Arbeitsstaatssekretär Dr. Thilo Rohlfs aus Schleswig-Holstein. Jedenfalls rief der direkt nach Inkrafttreten des Berufsbildungsgesetzes ein Modellprojekt für Teilzeit-Azubis ins Leben.

    Rohlfs: „Mit diesem neuen Vorhaben verbessern wir das Ausbildungsplatzangebot, erweitern das Berufswahlspektrum und erhöhen insgesamt die Attraktivität der beruflichen Ausbildung in Schleswig-Holstein.“ Wie auf diese Weise aber konkret größere Zahlen an Neu-Azubis gewonnen werden können – diese Antwort blieb Rohlfs schuldig.

    Fazit

    Der Bund will die Attraktivität der Ausbildung steigern. Das ist nachvollziehbar und richtig, denn Auszubildende sind rar wie nie und vielen Betrieben geht der fachliche Nachwuchs aus. Was aber kritische Köpfe weniger nachvollziehen können, ist die Vorgehensweise der Regierung. Sie mahnen: Neue Namen auf alte Ausbildungen zu kleben, wird nicht reichen. Auch nicht, für ein paar wenige die Gehälter aufzustocken und Teilzeit-Lösungen anzubieten.

    Längst weisen Studien darauf hin, womit man bei den jungen Talenten eigentlich punkten könnte. Neben einer sinnstiftenden Verantwortung stehen vor allem abwechslungsreiche Aufgabenfelder ganz oben auf der Agenda, wie aus der Randstad Employer Brand Research hervorgeht.

    Zumindest Letzteres ließe sich ganz leicht auch in der Ausbildung umsetzen. Mit spannenden Inhalten, einer breiten Vielfalt an neuen Lernmethoden und einer optimalen technischen Ausstattung der Berufsschulen. Um darauf zu kommen, hätten die Gesetzesvertreter eigentlich nur tun müssen, was auch bei der Erstellung der einschlägigen Studien der Fall war. Mit der Zielgruppe reden.